Prof. Dr. Jürgen Pätzold
Ziele der Wirtschaftspolitik
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1 Wirtschaftspolitische Primärziele in einer Marktwirtschaft
1.1 Ziele der Ordnungspolitik
Bei den Zielen der Ordnungspolitik handelt es sich um Grundsätze der Gestaltung einer Wirtschaftsordnung. Hierbei ist in erster Linie darüber zu entscheiden, welche Wirtschaftsordnung im konkreten Fall angestrebt werden soll. Ist die Grundentscheidung über die Wirtschaftsordnung, z. B. die Soziale Marktwirtschaft, gefallen, so sind die Rahmenbedingungen dieser Wirtschaftsordnung zu konkretisieren.
1.2 Ziele der Prozeßpolitik (Konjunktur- und Wachstumspolitik)
Prozeßpolitik ==> Aulaufspolitik ==> wirtschaftlichen Ablauf. Zielkatalog des Stabilitäts- und Wachstumsgesetzes (StWG) vom 8. 6. 1967. § 1 Satz 1 StWG lautet: "Bund und Länder haben bei ihren wirtschafts- und finanzpolitischen Maßnahmen die Erfordernisse des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts zu beachten." (weitgehend gleichlautende Formulierung seit 67 im Grundgesetz (Art 109 Abs. 2 GG).
Der Begriff des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewicht für die praktische Wirtschaftspolitik weitgehend inhaltsleer. In § 1 Satz 2 StWG erfolgt nähere Kennzeichnung:
"Die Maßnahmen sind so zu treffen, daß sie im Rahmen der marktwirtschaftlichen Ordnung gleichzeitig zu
beitragen."
Erweiterung in der praktischen Wirtschaftspolitik um die Ziele
zum "magischen Sechseck" der allgemeinen Wirtschaftspolitik.
1.3 Ziele der Strukturpolitik
Die regionale Strukturpolitik verfolgt folgende Ziele:
1.4 Ziele der Verteilungspolitik
==> "gerechte Verteilung" von Einkommen und Vermögen.
1.5 Ziele der Ressourcenpolitik
Ressourcenpolitik bezieht sich auf nicht erneuerbare, begrenzte natürliche Ressourcen (Erze, Kohle, Erdöl u.a.m.). Ressourcenschonung ==> Substitution durch erneuerbare Ressourcen (sog. Backstop-Ressourcen).
Teilbereich: Umweltpolitik.. Zielformulierungen:
Speziell die Zielsetzung einer dauerhaft umweltgerechten Entwicklung setzt sich seit der Konferenz der Vereinten Nationen in Rio de Janeiro (Juni 1992) zunehmend durch.
2 Die Ziele des Stabilitäts- und Wachstumsgesetzes
2.1 Schritte zur Operationalisierung von Zielen
Die Ziele bedürfen einer Präzisierung ==> Operationalisierung.
Die Bekanntgabe angestrebter Entwicklungen erfolgt im Jahreswirtschaftsbericht der Bundesregierung:
2.2 Preisniveaustabilität
2.2.1 Begründung der Zielsetzung
Ziel ist nicht die Stabilität der Einzelpreise, sondern die Stabilität des durchschnittlichen Preisniveaus ("Geldwertstabilität").
Zum Begriff siehe auch
Inflation
§ 1 Stabilitäts- und Wachstumsgesetz richtet sich an Bund und Länder, § 3 Bundesbankgesetz (Sicherung der Währung") richtet sich an die Bundesbank.
Negative Wirkungen von Inflation:
Siehe hierzu auch
Inflation
2.2.3 Messung der Inflation
2.2.3.1 Preisindizes der Lebenshaltung

Inflationsmessung => Erfassung der Verbrauchsgewohnheiten, anhand eines "typischen" Warenkorbes. Am weitesten verbreitet sind Warenkörbe der Lebenshaltung (sog. Preisindizes der Lebenshaltung).
Seit Anfang der 70er Jahre ist es üblich, Inflation auf der Grundlage des
Preisindex der Lebenshaltung aller Privaten Haushalte auszuweisen.
Zur Zeit wird die Inflationsrate auf der Basis der Verbrauchsgewohnheiten des Jahres 1995 berechnet.
Westdeutscher Warenkorb enthält zur Zeit 750 Waren und
Dienstleistungen (sog. Repräsentanten). Monatlich etwa 170 000 Preiserhebungen in
119 westdeutschen Gemeinden. Konstanz der Mengenzusammensetzung (sog. Laspeyres Methode).
Bildung einer Indexreihe. ![]()
Berechnung der prozentualen Steigerungsrate gegenüber dem Vorjahr (Inflationsrate). Für die Preissteigerungsrate (wp) gilt:
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2.2.3.2 Aussagefähigkeit und Probleme der Preisindizes
Preisänderungen, die aus Qualitätsänderungen resultieren, dürfen idealerweise bei der Preismessung nicht berücksichtigt werden. Die amtliche deutsche Verbraucherpreisstatistik unternimmt große Anstrengungen zur Ausschaltung von Qualitätsänderungen, sie verwendet dabei die international üblichen Methoden. Studien kommen zu der Einschätzung, dass es der amtlichen Statistik dennoch nicht gelingt ist, alle Qualitätsverbesserungen herauszurechnen.
Neue Güter weisen zu Beginn ihres Lebenszyklus in der Regel eine typische Preisentwicklung auf. Aufgrund steigender Nachfrage können sie zu sinkenden Stückkosten produziert werden, mit der Folge, daß ihre Preise nach der Markteinführung kräftig sinken. Neue Güter werden aber meist erst nach mehreren Jahren in den Preisindex für die Lebenshaltung aufgenommen, frühestens bei der nächsten Aktualisierung des Warenkorbes. Die anfänglichen Preissenkungen bei neuen Gütern bleiben also bei der Messung der Teuerung unberücksichtigt.
Bei neuen Gütern weist der Preisindex für die Lebenshaltung eine weitere Meßlücke auf. Neue Güter können sich nur dann am Markt durchsetzen, wenn sie dem Verbraucher zusätzlich Nutzen stiften. Dieser Nutzengewinn sollte idealerweise bei der Messung der Veränderung der Lebenshaltungskosten berücksichtigt werden. Der Preisindex für die Lebenshaltung tut dies jedoch nicht, da neue Güter durch Verkettung also indexneutral -in die Indexberechnung "eingeschleust" werden.
Wenn die Preise für einige Konsumgüter stärker steigen als für andere, wird ein nutzenmaximierender Haushalt versuchen, die Kaufkraftverluste möglichst gering zu halten, indem er seinen Verbrauch von Gütern mit überdurchschnittlichen Preissteigerungen zu Gütern mit unterdurchschnittlichen Preissteigerungen umschichtet. Der Preisindex für die Lebenshaltung erfaßt solche Substitutionsvorgänge nicht, er misst - entsprechend dem Messkonzept eines Laspeyres-Preisindex - die Veränderung der Kosten eines konstanten Konsumgüterbündels. Gemessen an einem idealen Lebenshaltungskostenindex übertreibt ein Laspeyres-Preisindex die tatsächliche Teuerung, weil er den relativ preiswerter gewordenen Gütern noch das alte, zu niedrige (Mengen-)Gewicht beimißt und nicht das aktuelle, höhere Gewicht.
Durch neue Vertriebsformen des Einzelhandels, z.B. Discounter, Handel vom Lager oder Handel im Internet, kann es zu spürbaren Verschiebungen der Marktanteile zu Gunsten der neuen Vertriebsformen kommen, wenn diese ihre Waren bzw. Dienstleistungen zu einem günstigeren Preis-/Leistungsverhältnis anbieten als die traditionellen Vertriebsformen. Die Ersparnisse bei den Lebenshaltungskosten, welche die Haushalte durch eine Umschichtung ihrer Nachfrage von den traditionellen zu neuen, billigeren Vertriebsformen erzielen können, werden im Preisindex für die Lebenshaltung nicht erfaßt. ("ALDI oder LIDL-Effekt").
Mit Blick auf die unzureichende Erfassung von Qualitätsveränderungen und die anderen genannten Effekte kann man eine Inflationsrate von etwa 1 Prozent als Preisniveaustabilität interpretieren.
2.2.4 Weitere Preisindizes
2.3 Hoher Beschäftigungsstand

2.2 Begründung der Zielsetzung
2.3.1 Umschreibung einer Vollbeschäftigungssituation
2.3.2 Methoden und Probleme der Quantifizierung der Arbeitslosigkeit


Potential-Arbeitslosenquote (registrierte + verdeckte Arbeitslose AL = ALreg + ALSR in Prozent des Erwerbspersonenpotentials EP* = E + ALreg + ALSR )
Das Problem der Stillen Reserve/ "verdeckte Arbeitslosigkeit"
Der nicht registrierte Teil ("verdeckte Arbeitslose") wird als "stille Reserve" oder "verdeckte Arbeitslosigkeit" (ALSR) bezeichnet.

Die stille Reserve ist ein Indiz für die Unschärfe der "registrierten Arbeitslosigkeit". Zumindest ein Teil der Neueinstellungen erfolgt aus der "verdeckten Arbeitslosig-keit".
Verdeckt arbeitslos sind insbesondere:
Teilnehmer an ABM
Teilnehmer an beruflichen Fortbildungs- und Umschulungsmaßnahmen
Leistungsempfänger, die gem. § 105 AFG Übergangsgelder erhalten
Teilnehmer dan Deutschsprachkursen
Empfänger von Vorruhestands- und Altersübergangsgeld
Kurzarbeiter (auf Vollarbeitslose umgerechnet).
Selbst im Zeitablauf sind die nach einer einheitlichen Methode berechneten Arbeitslosenquoten nur mit Vorbehalt miteinander vergleichbar.
Auch die Höhe und die Entwicklung der offenen Stellen ist nur bedingt aussagekräftig, da es keine Verpflichtung für die Unternehmen gibt, offene Stellen entsprechend dem tatsächlichen Arbeitskräftebedarf auszuweisen.

Quelle: IAB
Internationale Vergleiche von Arbeitslosenquoten kaum zulässig ==> sehr unterschiedlichen nationalen Methoden.


Generell sind erhebliche Bewegungen am Arbeitsmarkt zu verzeichnen:

Quelle: IAB
2.4 Stetiges und angemessenes Wirtschaftswachstum
2.4.1 Begründung der Zielsetzung
Wirtschaftliches Wachstum ==> verbessert materielle Güterversorgung ==> entschärft auch die Verteilungs- konflikte ==> fördert die Beschäftigung.
Kritik: ==> negativen Folgen für die Umwelt, Abbau nicht regenerierbarer Ressourcen.Forderung nach "Nullwachstum".
StWG ==> "angemessenes" Wirtschaftswachstum ==> politische Wertung. Die Bundesregierung bewertete in der Vergangenheit eine Rate des realen BIP-Wachstums von etwa zwei bis drei Prozent als angemessen.
2.4.2 Inlandsprodukt und Produktionspotential als Wachstumsindikatoren
2.4.2.1 Das tatsächlich erwirtschaftete Bruttoinlandsprodukt als traditioneller Konjunktur- und Wachstumsindikator
Traditioneller Wachstumsindikator: reales Bruttoinlandsprodukt (BIPrm). Das Inlandsprodukt erfaßt die Produktionsleistung innerhalb der Grenzen eines Landes. BIPm repräsentiert die am Markt nachgefragte und damit tatsächlich produzierte gesamtwi. Produktion.
BIPm = Cpr + Ibrpr + ASt + Ex - Im
Zum Begriffe "gesamtwirtschaftliche
Wertschöpfung" siehe auch ![]()
Die Nachfrage entwickelt sich unstetig; die gesamtwirtschaftliche Produktion unterliegt also Schwankungen.

2.4.2.2 Das Produktionspotential als Indikator für die volkswirtschaftliche Produktionskapazität
Die reale wirtschaftliche Entwicklungkann sich nur im Rahmen der zur Verfügung stehenden Produktionskapazitäten vollziehen. Diese potentielle Produktion wird als Produktionspotential bezeichnet.
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Das Produktionspotential gibt folglich die Obergrenze der tatsächlichen volkswirtschaftlichen Produktion an. Die gesamtwirtschaftliche Kapazität (Produktionspotential) ist abhängig von der Ausstattung mit Produktionsfaktoren.
Das Wachstum der volkswirtschaftlichen Produktionskapazität (wBIP*) hängt von der quantitativen und qualitativen Entwicklung dieser Faktorbestände ab.

Eine Erhöhung der volkswirtschaftlichen Produktionskapazität setzt Investitionen voraus (Kapazitätseffekt der Investitionstätigkeit).
(1) Sachkapitalerweiterungsinvestitionen (z.B. Anlageinvestitionen ohne technischen Fortschritt),
(2) Sachkapitalverbesserungsinvestitionen bzw. Rationalisierungsinvestitionen (z.B. Installation einer leistungsfähigeren Anlage),
(3) Humankapitalinvestitionen bzw. Bildungs- und Ausbildungsinvestitionen,
(4) Ressourceninvestitionen (z. B. Investitionen zur Verringerung des spezifischen Energie- oder Ressourcenverbrauchs),
(5) Forschungs- und Entwicklungsinvestitionen,
(6) Investitionen in organisatorische Verbesserungen.
2.4.3 Methoden zur Schätzung des Produktionspotentials
Schätzungen des Produktionspotentials werden u.a. von der Deutschen Bundesbank und vom Sachverständigenrat auf der Grundlage einer makroökonomischen Produktionsfunktion vorgenommen. Dem Sachverständigenrat dient das Potentialwachstum als wichtige Bezugsgröße für seine wirtschaftspolitischen Empfehlungen; der Deutschen Bundesbank dient es als zentrale Grundlage für die Bestimmung des jährlichen Geldmengenziels.
2.4.4 Der Auslastungsgrad des Produktionspotentials
Konjunkturschwankungen werden vom Sachverständigenrat als Schwankungen im Auslastungsgrad des Produktionspotentials definiert ==> gesamtwirtschaftliche Kapazitätsauslastungsschwankungen.

Auslastungsschwankungen sind vor allem Konsequenz der unstetigen Entwicklung der gesamtwirtschaftlichen Nachfragekomponenten.
Folge von Konjunkturschwankungen sind folglich "konjunkturelle" Zielverletzungen, also konjunkturelle Arbeitslosigkeit in der Rezession (bei gleichzeitig normalerweise geringer Inflation) bzw. konjunkturelle Inflation im Boom (sog. Nachfrageinflation) bei gleichzeitig geringer konjunktureller Arbeitslosigkeit. Es ist das Ziel der Konjunkturpolitik, diese konjunkturbedingten Zielverletzungen möglichst gering zu halten und die Wirtschaft auf einem "optimalen" (nicht maximalen) Auslastungsgrad zu stabilisieren. Nach Auffassung des Sachverständigenrates liegt dieser Auslastungsgrad etwa bei 96, 5 Prozent.

2.4.5 Weitere Konjunkturindikatoren
In der praktischen Konjunkturpolitik kommen weitere Diagnoseverfahren zur Anwendung:
2.5 Außenwirtschaftliches Gleichgewicht
2.5.1 Begründung und Umschreibung des Ziels "außenwirtschaftliches Gleichgewicht"
Umschreibung: "Außenwirtschaftliches Gleichgewicht ist eine Situation, die dadurch gekennzeichnet ist, daß von den wirtschaftlichen Beziehungen des Inlands mit dem Ausland keine negativen Wirkungen auf die binnenwirtschaftliche Entwicklung ausgehen." (J. Pätzold, 1998). Mit Blick auf die binnenwirtschaftlichen Ziele heißt dies, daß außenwirtschaftliches Gleichgewicht dann gegeben ist, wenn vom Ausland weder
in die Binnenwirtschaft hereingetragen werden und umgekehrt heimische Fehlentwicklungen nicht zu Lasten des Auslandes "gelöst" werden (kein "Export der heimischen Inflation, kein Export der heimischen Beschäftigungsprobleme bzw. keine exportierte Wachstumsschwäche). Eine Politik, die die heimischen Probleme auf Kosten des Nachbarn löst, wird auch als "beggar my neighbour policy". Entsprechende Abwehrreaktionen des Auslandes und eine Spirale protektionistischer Maßnahmen wären die Folge. ==> Vorziel zur Erreichung des binnenwirtschaftlichen Gleichgewichts.
2.5.2 Konkretisierung des Ziels anhand der Zahlungsbilanz

Die Zahlungsbilanz ist die systematische Darstellung aller außenwirtschaftlichen Transaktionen eines Landes. Es Handelt sich nicht um eine Bestandsrechung, sondern um eine Erfolgsrechung mit dem Ausland (Bewegungsbilanz).Die Transaktionen werden kontenartig erfaßt. Verbuchungsregel: Transaktionen, die zu Zahlungseingängen führen, werden im sogenannten Credit (oder Haben) verbucht, Transaktionen, die zu einem Zahlungsausgang führen, werden im sogenannten Debet (oder Soll) verbucht. Bei Erfassung aller Transaktionen und korrekter Verbuchung muß die Zahlungsbilanz insgesamt immer ausgeglichen sein.
Teilbilanzen der Zahlungsbilanz:
Die Zahlungsbilanz
setzt sich zusammen aus der Leistungsbilanz, bestehend aus der
Sowie der Kapitalverkehrsbilanz (im weiten
Sinne), bestehend aus der
Zusammenhang: Der wichtigste Punkt für das Verständnis
der Zahlungsbilanz und einer der wichtigsten Punkte für ein korrektes Verständnis
internationaler Wirtschaftsbeziehungen insgesamt, besteht in folgendem Zusammenhang
zwischen Leistungs- und Kapitalverkehrsbilanz. Wenn ein Land mehr Güter- oder
Dienstleistungen exportiert, als es importiert (und wenn dabei keine
unentgeltlichen Übertragungen involviert sind), dann muß dieses Land auf die eine oder
andere Weise einen Zuwachs an Auslandsforderungen oder eine Verringerung der
Auslandsverbindlichkeiten erfahren haben. In dem Maße, wie ein Teil des
Güterhandels auf Schenkungen beruht, erfolgt eine entsprechende Korrektur im
Bereich der Übertragungsbilanz. Analoges gilt für die einseitigen Zahlungen, die
zunächst in der Kapitalbilanz verbucht werden und in der Übertragungsbilanz ihre
Gegenbuchung finden.
Insgesamt gilt: Wenn ein Land einen Leistungsbilanzüberschuß in Höhe
von X Mrd. DM erzielt hat, dann muß definitionsgemäß auch in der Kapitalbilanz im
weiten Sinne (Kapitalverkehrsbilanz + Devisenbilanz) ein Nettokapitalexport
(=Zunahme der Forderungen gegenüber dem Ausland) in Höhe von ebenfalls X Mrd. DM
entstanden sein, denn der Leistungsbilanzüberschuß führt definitionsgemäß zu einer
entsprechenden Zunahme der Forderungen des Inlandes gegenüber dem Ausland.
Im Falle eine Leistungsbilanzdefizits muß umgekehrt die Kapitalbilanz im weiten
Sinne (Kapitalverkehrsbilanz + Devisenbilanz) ein Nettokapitalimport (Abnahme der
Forderungen/Zunahmen der Verbindlichkeiten gegenüber dem Ausland, Abnahme der
Währungsreserven der Zentralbank) ausweisen. Anders formuliert: Wenn ein Land mehr
Leistungen importiert als exportiert hat (Leistungsbilanzdefizit), dann muß dieser
Importüberschuß finanziert worden sein, entweder durch Abbau privater Forderungen
gegenüber dem Ausland, oder durch Reduktion der Währungsreserven der Zentralbank, oder
aber durch eine Zunahme der Verbindlichkeiten gegenüber dem Ausland.
Fazit: Infolge der doppelten Buchhaltung in der Zahlungsbilanz, sind Kapitalverkehrs- und Devisenbilanz das "Spiegelbild" der Leistungsbilanz. Unter dem Strich ist die Zahlungsbilanz also immer ausgegelichen.
Ob und inwieweit sich die Devisenbilanz ändert, hängt nicht zuletzt von der
Konstruktion des internationalen Währungssystems ab. In einem
internationalen Währungssystem mit Interventionszwang der Zentralbanken zur
Stabilisierung der Wecheslkurse (i.d.R. im Rahmen einer engen Bandbreite) - sog.
Fest-Wechselkursystem - verändern sich durch Kauf oder Verkauf von Devisen durch die
nationale Notenbank die Währungsreserven automatisch. Ein Leistungsbilanzüberschuss
führt dann infolge des erhöhten Devisenangebots (z. B. $) und der dadurch bewirkten
Abwertungstendenz des Dollar (bzw. ufwertungstendenz der DM) mehr oder weniger
zwangsläufig zu Interventionen (Devisenkäufe) der Notenbank. Ein derartiges System
fester Wechselkurse waren das internationale
Währungssystem von Bretton Woods
(1944 - 1970) und das
Europäische Wahrungssystem (EWS).
Bei einem System (voll) flexibler echselkurse besteht dagegen für die Notenbank kein Inerventionszwang. Wird nicht am Devisenmarkt interveniert, dann verändern sich auch die Währungsreserven der Notenbank nicht. Gegenüber den außereuropäischen Währungen gilt dieses System seit 1970. In der Praxis findet allerdings ein "verschmutztes" oder "managed" floatin statt.
Bei der empirischen Erfassung der Zahlungsbilanz tauchen allerdings Probleme auf: Statistisch nicht erfaßte oder nicht aufgliederbare Transaktionen werden in einer "Restpostenbilanz", Veränderungen der Wähungsreserven, die auf Bewertungsveränderungen oder Zuteilung von (Sonder-)Ziehungsrechten durch den IWF beruhen, werden in einem Konto "Ausgleichsposten zur Auslansposition" der Deutschen Bundesbank buchhalterisch neutralisiert.
Abbildung: Zahlungsbilanz



Verschiedene Zahlungsbilanzkonstellationen können aus außenwirtschaftliches Gleichgewicht interpretiert werden. Inzwischen setzt sich allerdings durch, außenwirtschaftliches Gleichgewicht dann anzunehmen, wenn die Leistungsbilanz dauerhaft ausgeglichen ist.
3 Zielbeziehungen und Zielkonflikte
3.1 Arten von Zielbeziehungen


3.2 Das Beispiel der Phillips-Kurve
3.2.1 Ursprüngliche und modifizierte Phillips-Kurve
Phillips (1958) untersuchte den Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit und Lohnsteigerungen über einen Zeitraum von nahezu 100 Jahren in England (1861 - 1957). Dabei bestätigte sich die theoretisch erwartete Vermutung, daß die Lohnsteigerungen (wl) um so höher sind, je angespannter die Situation auf dem Arbeitsmarkt, je geringer also die Arbeitslosenquote (ALQ) ist.

Die modifizierte Phillips-Kurve von Samuelson und Solow
Diese modifizierte Phillips-Kurve war der Ausgangspunkt einer langen und kontroversen Diskussion um die Zielbeziehung zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit. Die Kurve behauptet, daß ein höherer Beschäftigungsstand (eine geringere Arbeitslosigkeit) - wegen der damit einhergehenden höheren Lohnsteigerungen - nur um den Preis einer höheren Inflationsrate realisiert werden könne.
Ließe sich in der Realität ein derartiger Phillips-Konflikt nachweisen, so stünden die Regierungen vor dem Problem, zwischen den beiden Übeln "Inflation" und "Arbeitslosigkeit" wählen zu müssen. Die Phillips-Kurve wäre quasi eine Menükarte der Wirtschaftspolitik, auf der es lediglich gilt, je nach Geschmack, eine Speise auszuwählen. Die These vom Konflikt zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit hat das wirtschaftspolitische Denken sehr stark geprägt - möglicherweise sogar verblendet. Erinnert sei in diesem Zusammenhang an den Ausspruch des ehemaligen Bundeskanzlers Helmut Schmidt, der "lieber fünf Prozent Inflation als fünf Prozent Arbeitslosigkeit" akzeptieren wollte.
3.2.2 Kritik der Phillips-Kurve
Der Phillips-Konflikt kann lediglich für konjunkturabhängige Zusammenhänge akzeptiert werden.

Konjunkturschwankungen und Phillips-Konflikt
Die Erfahrung zeigt, daß es kurzfristig, also im Verlauf eines Konjunkturzyklus, einen Konflikt zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit gibt. D. h. im Konjunkturverlauf findet eine Bewegung auf einer gegebenen Phillips-Kurve statt. In der Hochkonjunktur ist eine geringere (konjunkturelle Arbeitslosigkeit mit einer höheren (Nachfrage-)Inflation verbunden. Umgekehrt ist in der Rezession die konjunkturelle Arbeitslosigkeit höher und gleichzeitig die (Nachfrage-)Inflation geringer.
Die Phillips-Kurve stellt demnach den "Konflikt zwischen konjunktureller Inflation und konjunktureller Arbeitslosigkeit" dar.
Aufgabe der Konjunkturpolitik ist es, - je nach politischer Präferenz - eine (politisch) optimale Kombination zwischen konjunktureller Inflation und konjunktureller Arbeitslosigkeit anzustreben (z. B. Konstellation (3) in Graphik III), d. h. die Wirtschaft auf einem optimalen (nicht maximalen !) Auslastungsgrad zu stabilisieren (a* in Graphik II; z. B. 96,5 Prozent). Auf die Graphik I übertragen bedeutet dies, daß die Volkswirtschaft auf einem Niveau stabilisiert werden sollte, daß durch einen normalen Auslastungsgrad gekennzeichnet ist (Produktionspotential bei Normal- oder Optimalauslastung).
Die so interpretierte Phillips-Kurve ist dann offensichtlich eine "Menükarte" für die Konjunkturpolitik.

Aus den kurzfristig positiven Beschäftigungswirkungen einer inflatorischen Wirtschaftspolitik darf allerdings nicht der Schluß gezogen werden, man könne sich quasi mit dem süßen Gift der Inflation permanent Vollbeschäftigung erkaufen. Das Gegenteil ist der Fall! Auf Dauer führt Inflation letztlich zu negativen Auswirkungen auf Wachstum und Beschäftigung. Sie unterminiert die Funktionsweise des Marktsystems und führt zu einem schleichenden Prozeß der Fehlallokation von Produktionsfaktoren. Graphisch bedeutet dies, daß sich die ursprüngliche Phillips-Kurve im Koordinatensystem nach Nord-Ost, also in "schlechtere Bereiche", verlagert (sog. Stagflation). Die Lage der Phillips-Kurve im Koordinatensystem ist also keineswegs stabil. Je weiter sich die Phillips-Kurve nach Nord-Ost verlagert, um so ausgeprägter sind nicht-konjunkturelle Ursachen von Inflation und Arbeitslosigkeit (z. B. Kostendruckinflation oder strukturelle Arbeitslosigkeit).
3.2.3 Das Stagflationsphänomen
Stagflation bezeichnet eine stagnationäre wirtschaftliche Entwicklung mit zunehmender Arbeitslosigkeit und gleichzeitig zunehmender Inflation. Graphisch gesehen handelt es sich hierbei um eine Nord-Ost-Verlagerung der Phillips-Kurve:
Die Ursachen einer Verlagerung der Phillips-Kurven sind nicht-konjunktureller Natur. So kann - wie dies Anfang der 70er Jahre in der Bundesrepublik der Fall war - bei relativ stabilem Beschäftigungsgrad die Inflation als Folge von mit Macht ausgetragenen Verteilungskämpfen steigen und sich die Phillips-Kurve (im Grenzfall) senkrecht nach oben verlagern (Graphik II). Oder - wie dies seit Mitte der 70er Jahre in der Bundesrepublik der Fall ist - zunehmende strukturelle, demographische, technologische und andere Formen "nicht-konjunktureller Arbeitslosigkeit" auftreten und die Phillips-Kurve im Koordinatensystem nach rechts verlagern (Graphik III). Aus der Kombination beider Sachverhalte ergibt sich dann das Stagflationsphänomen (Graphik I).
3.2.4 Phillips-Kurven-Shift in der Bundesrepublik Deutschland

Betrachtet man den Zusammenhang zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit in der Bundesrepublik Deutschland, so zeigt sich ein differenziertes Bild:
3 Literaturhinweise
Pflichtlektüre
zu Teil 1: Ordnungspolitik
Pätzold, J: Soziale Marktwirtschaft. Konzeption, Entwicklung, Zukunftsaufgaben, 6. Aufl., Ludwigsburg, Berlin 1995
Hardes, H.-D., G.-J. Krol, F. Rahmeyer und A. Schmid: Volkswirtschaftslehre - problemorientiert, UTB 737, Tübingen (aktuelle Auflage)
zu Teil 2: Ziele der Wirtschaftspolitik
Mussel, G. und J. Pätzold: Grundfragen der Wirtschaftspolitik, 2. Aufl., München 1995
Hardes, H.-D., G.-J. Krol, F. Rahmeyer und A. Schmid: Volkswirtschaftslehre - problemorientiert, UTB 737, Tübingen (aktuelle Auflage)
Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, Jahresgutachten 1995/96
(Vertrieb: Bundesanzeiger Verlagsgesellschaft mbH, PF 13 20, 53003 Bonn)Weitere Literaturhinweise
Eucken, W.: Grundsätze der Wirtschaftspolitik, 6. Aufl., Tübingen 1990
Fukuyama, F.: Der Konflikt der Kulturen. Konfuzius und Marktwirtschaft, Kindler Verlag, 1995
Giersch, H.: Allgemeine Wirtschaftspolitik, Band I und II, Wiesbaden 1960
Kalmbach, P.: Transformation in eine Marktwirtschaft mit Hilfe eines reichen Onkels, in: H. Hagemann (Hrsg.): Probleme der Einheit 11, Marburg 1993
Lampert, H.: Die Wirtschafts- und Sozialordnung der Bundesrepublik Deutschland, 11. Aufl., München 1992
Siebert, H.: Das Wagnis der Einheit: eine wirtschaftspolitische Therapie, 2. Aufl., Stuttgart 1993.
Sinn, G. und H.-W. Sinn: Kaltstart. Volkswirtschaftliche Aspekte der deutschen Vereinigung, 2. Aufl., München 1993.
Internetadressen
: (Statistisches Bundesamt, Wiesbaden) (Deutsche Bundesbank)http://www.sachverstaendigenrat-wirtschaft.de/ (Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, Jahresgutachten)
http://www.iwkoeln.de (Institut der deutschen Wirtschaft)
http://frankfurter-institut.de (Frankfurter Institut: "Kronberger Kreis")
Daten zur Entstehung, Verwendung und Verteilung des BIP KLICK hier
Daten zur Beschäftigung / Arbeitslosigkeit KLICK hier
Daten zur Inflation KLICK hier
Weitere Daten http://www.statistik-bund.de/allg/d/veroe/d_daten.htm